Angepasst an stürmische Zeiten

Küstennahe Ökosysteme sind Lebensraum zahlreicher Arten und schützen die Menschen vor Sturmfluten. Sie zu stabilisieren, ist das Ziel des Küsten- und Meeresschutzes – und eines KfW-Vorhabens in der Karibik.

Fischer in der Karibik: Küstennahe Ökosysteme sind Lebensraum zahlreicher Arten und schützen die Menschen vor Sturmfluten. Sie zu stabilisieren ist das Ziel eines KfW-Vorhabens in der Karibik.

Weiße Sandstrände, türkisblaues Wasser, eingerahmt von üppiger tropischer Vegetation: Urlaubern bietet sich auf den Antilleninseln ein landschaftliches Paradies. Die karibische Idylle ist jedoch bedroht. Bereits heute verursachen extreme Wetterereignisse hier enorme Schäden. Die Caribbean Catastrophe Risk Insurance Facility beziffert sie für einzelne Karibikstaaten auf 1 % bis 6 % des Bruttoinlandsprodukts. Steigt mit der globalen Durchschnittstemperatur der Meeresspiegel, werden die für die Region typischen Tropenstürme an Intensität zunehmen, ebenso Sturmfluten. Bei letzteren gehen mancherorts mehrere Meter Küstenlinie durch Küstenerosion verloren. Künftig, so steht zu befürchten, noch mehr.

Küstennahe Ökosysteme, allen voran Korallenriffe, Mangroven und Seegraswiesen, können die negativen Auswirkungen von Stürmen und Sturmfluten abmildern. Sie übernehmen eine wichtige Pufferfunktion: Mangrovenwälder etwa bremsen den Wind über der Wasseroberfläche und mindern so die Wucht der Wellen. Fallen die Dienstleistungen dieser Ökosysteme und damit der natürliche Schutz weg, sind Infrastruktur und landwirtschaftliche Flächen im Hinterland bedroht. Korallenriffe, Mangroven und Seegraswiesen dienen zudem zahlreichen Fischarten als Rückzugsgebiet. Ohne diese Laichgebiete sinken mittelfristig die Populationen und damit der Ertrag der Küstenfischerei. Mit dem Verlust ihrer Küstenökosysteme büßen karibische Staaten damit weit mehr als ein paar Pflanzen oder Tiere ein: Auf dem Spiel stehen die natürlichen Lebensgrundlagen sowie die Attraktivität der Inseln als Tauch- und Ferienparadies – und damit die wirtschaftliche Existenz vieler Bewohner.

Ökosystembasierte Anpassung

Der Geschäftsbereich KfW Entwicklungsbank unterstützt die Antilleninseln St. Lucia, St. Vincent und die Grenadinen und Grenada sowie das weiter westlich gelegene Jamaika seit 2014 dabei, mehrere Kilometer Küstenlinie vor Küstenerosion zu schützen. Ziel ist es zudem, die Fischbestände im Bereich dieser Ökosysteme um mindestens 20 % zu erhöhen. Im Rahmen der Finanziellen Zusammenarbeit (FZ) stellt die KfW bis 2018 einen Zuschuss aus Mitteln des BMZ in Höhe von 10,8 Mio. EUR zur Verfügung.

Mit den Fördergeldern wird die Bewirtschaftung von Meeresschutzgebieten verbessert, werden Korallenriffe rehabilitiert und Mangrovenwälder wiederaufgeforstet. Darüber hinaus unterstützt das Projekt die langfristige Beobachtung relevanter Ökosysteme sowie den regionalen Wissensaustausch. Die ersten konkreten Vorschläge für Maßnahmen werden im Herbst 2015 vorliegen, gegen Jahresende soll die Umsetzung beginnen.

Die KfW kooperiert bei dem Projekt mit dem Caribbean Community Climate Change Centre (CCCCC) in Belize. Die Forschungs- und Beratungseinrichtung analysiert seit 2002 die Risiken des Klimawandels für die Mitgliedsstaaten der Karibischen Wirtschaftsgemeinschaft (CARICOM) und koordiniert die Umsetzung der CARICOM-Klimaanpassungsstrategie. Sie bringt damit hohe fachliche Kompetenz ein, ihre personellen und finanziellen Ressourcen sind jedoch begrenzt. Neben dem monetären Engagement der KfW schätzt CCCCC-Leiter Dr. Kenrick Leslie auch die Signalwirkung: „Das Projekt verleiht dem Konzept der ökosystembasierten Anpassung an den Klimawandel in der Karibik eine größere Wertschätzung.“ Die Maßnahmen ersetzen und ergänzen teure Investitionen in Infrastruktur zum Küstenschutz und leisten einen wichtigen Beitrag zum Schutz einer der wichtigsten Ressourcen der Karibik: ihrer Biodiversität.

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Biologische Vielfalt als Lebensgrundlage

Der Geschäftsbereich KfW Entwicklungsbank zählt im Auftrag der Bundesregierung zu den größten Gebern für den Erhalt der biologischen Vielfalt weltweit. Mit einem Volumen von 1,23 Mrd. EUR fördert sie aktuell knapp 170 Projekte in 40 Ländern. Fast die Hälfte der Mittel kommt Lateinamerika zugute, über ein Drittel Afrika. Inhaltlich ist das Engagement breit gefächert: Mehr als die Hälfte der Mittel investiert die Entwicklungsbank in Naturschutzgebiete, die sie zusammen mit Partnerländern einrichtet. Zudem fördert sie die nachhaltige Bewirtschaftung von Naturressourcen, den Schutz von Wäldern, bedrohter Tierarten und indigener Völker (siehe Kasten). Dabei arbeitet sie oft eng mit Nichtregierungsorganisationen zusammen.

Finanzierung von Natur- und Waldschutz

Grafik: Finanzierung von Natur- und Waldschutz

Intakte Ökosysteme sind zentral für eine nachhaltige Entwicklung und die Bekämpfung von Armut. Rund 80 % der biologischen und genetischen Ressourcen finden sich in Entwicklungsländern; für viele Menschen dort sind sie Grundlage ihrer Ernährung und medizinischen Versorgung. Dort werden aufgrund vielfältiger, auch externer Ursachen bereits heute die natürlichen Ressourcen stärker ausgebeutet, als diese sich aus eigener Kraft regenerieren können. Schreitet die Zerstörung von Lebensräumen fort, bleibt den Menschen nur, ihre Heimat zu verlassen.

Der Küstenschutz in der Karibik und in Lateinamerika ist innerhalb der deutschen Entwicklungsarbeit ein relativ junges Thema. In den Blick rückte es durch die Vertragsstaatenkonferenz des UN-Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD) 2010 im japanischen Aichi-Nagoya. Der dort von 194 Staaten unterzeichnete Strategische Plan 2011–2020 zum Erhalt der biologischen Vielfalt („Aichi-Ziele“) betont die vielschichtige Bedeutung einer nachhaltigen Nutzung von Meeres- und Küstenzonen. Er sieht vor, bis 2020 mindestens 10 % der Fläche unter Schutz zu stellen. Aktuell liegt der geschützte Anteil bei 2,8 %.

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KfW-Bernhard-Grzimek-Preis

Emmanuel de Mérode und Pavan Sukhdev sind die Preisträger des KfW-Bernhard-Grzimek-Preis 2015, der alle zwei Jahre Persönlichkeiten und Organisationen auszeichnet, die sich kreativ, innovativ oder unternehmerisch für den Erhalt der Artenvielfalt einsetzen.

Mit Leidenschaft für die Artenvielfalt

Biodiversität ein Gesicht geben und darüber die Öffentlichkeit für dieses komplexe Thema sensibilisieren – diesen Zweck verfolgt der mit 50.000 EUR dotierte KfW-Bernhard-Grzimek-Preis. Die KfW Stiftung zeichnet damit alle zwei Jahre Persönlichkeiten und Organisationen aus, die sich kreativ, tatkräftig, innovativ oder unternehmerisch für den Erhalt der Artenvielfalt einsetzen. Die Preisträger 2015 tun das auf unterschiedlichen Ebenen.

Vorkämpfer: Emmanuel de Mérode

Rund 200 Berggorillas leben noch an den Vulkanhängen des Virunga Nationalparks. Neben den vom Aussterben bedrohten Tieren beherbergt das UNESCO-Weltnaturerbe im krisengeschüttelten Osten der Demokratischen Republik Kongo eine einzigartige Vielfalt an Pflanzen und Tieren. Dieses Biotop zu bewahren, hat sich Emmanuel de Mérode zur Aufgabe gemacht. Seit 2008 leitet er den ältesten Nationalpark Afrikas – und engagiert sich dabei weit über den Natur- und Artenschutz hinaus. Mit leidenschaftlichem Einsatz hat der gebürtige Belgier in den vergangenen Jahren wesentlich dazu beigetragen, die Wilderei einzudämmen, den illegalen Holzeinschlag zu verringern und mit Rebellenführern der Grenzregion Friedensvereinbarungen zu schließen. Darüber hinaus macht er sich für eine nachhaltige Bewirtschaftung des Naturraums stark – und hilft den Bewohnern damit, ihre Lebensgrundlage dauerhaft zu erhalten. Für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die lokale Bevölkerung ist de Mérode der „Held von Virunga“. Nicht zuletzt, weil er sie und die Politiker der Region in seine Arbeit einbindet und ihnen auf Augenhöhe begegnet.

Vordenker: Pavan Sukhdev

Die Natur ist kein Selbstbedienungsladen – auch wenn sie uns ungefragt mit sauberem Wasser versorgt und weder Bienen fürs Bestäuben noch Wälder für das Speichern von CO2 eine Rechnung stellen. Weil jedoch offenbar nichts wert ist, was nichts kostet, folgert Pavan Sukhdev: Natur braucht einen Preis. In seiner Bewegung „Corporation 2020“ und dem gleichnamigen Buch fordert der Umweltökonom Unternehmen auf, ihre Umweltkosten in den Bilanzen auszuweisen und für Naturkapital wie Grundwasser zu bezahlen. Der einstige Bankmanager und Sonderbotschafter des UN-Umweltprogramms stützt sich dabei auf eine Studie, in der er für das G8-Forschungsprojekt „The Economics of Ecosystems and Biodiversity” (TEEB) erstmals berechnete, was der Verlust der Biodiversität und zerstörte Ökosysteme die Gesellschaft tatsächlich kosten. Sein Resümee: Kaum ein Konzern wäre profitabel, bezöge er Umwelteffekte mit ein. Der Sportartikelhersteller Puma folgte Sukhdevs Aufruf und legte 2011 die weltweit erste ökologische Gewinn- und Verlustrechnung vor. Auch andere Firmen befassen sich seither mit dem Wert der Natur. Diesen mess- und damit steuerbar zu machen, ist Sukhdevs großes Verdienst für eine umweltverträgliche Neuordnung des Wirtschaftssystems.

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Meere und Küsten im Fokus

Der Schutz der Meere zielt darauf, ihre Funktionsfähigkeit als weltweit größtes Ökosystem zu erhalten. Zusammen bedecken sie über zwei Drittel der Erdoberfläche. Als Sauerstoffproduzent sowie größte aktive Stickstoff- und Kohlenstoffsenke haben sie wichtige Klimawirkungen. Zudem beherbergen die Weltmeere das Gros der biologischen Vielfalt und dienen als wichtige Ernährungsquelle. Für fast drei Milliarden Menschen – insbesondere in Entwicklungsländern – ist Fisch entscheidender Bestandteil der Nahrung und wichtige Proteinquelle.

Die weltweiten Vorkommen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten jedoch dramatisch verringert. Den Ozeanen wird bereits heute mehr als doppelt so viel Fisch entnommen wie im Sinne einer nachhaltigen Nutzung zulässig. Mit der wachsenden Weltbevölkerung nimmt der Druck auf aquatische Ressourcen weiter zu. Sichern lassen sich die Bestände und die Artenvielfalt nur durch ein integriertes, nachhaltiges Management der Küsten und Meere – sei es durch die Ausweisung von Fangverbotszonen oder die wirksame Regulierung der Großfischerei. Bestehende Fischpopulationen sind durch Störungen wichtiger Ökosysteme und verschmutztes Wasser – etwa durch pulverisierten Plastikmüll – in Gefahr.

Der Küstenschutz zielt darauf, die Lebens- und Ernährungsgrundlage vieler Menschen zu sichern. Rund 90 % der von der Fischerei abhängigen Menschen leben in Entwicklungsländern. Küstenregionen gehören bereits heute zu den am dichtesten besiedelten Gegenden der Erde. Im Jahr 2020 leben Schätzungen zufolge 75 % der Weltbevölkerung höchstens 60 Kilometer vom Meer entfernt. Ökosystembasierte Anpassungsmaßnahmen können ihnen einen wirksamen und gegenüber technischer Infrastruktur vergleichsweise kosteneffizienten Schutz vor Klimafolgen bieten. In der Karibik werden Flutschutzmauern auf lange Sicht dennoch zusätzlich nötig sein.

Biodiversitätsziele der UN bis 2020 (Aichi-Ziele, Auszug)

  • Verlustrate von wertvollen Habitaten halbieren
  • Mindestens 17 % der Land- und Binnenwassergebiete und 10 % der Küsten- und Meeresgebiete wirkungsvoll schützen
  • Alle Fisch- und Wirbellosenbestände und Wasserpflanzen auf Grundlage ökosystemarer Ansätze nachhaltig und ordnungsgemäß nutzen

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Indigene Völker Amazoniens

Grenzen für indianische Schutzgebiete

Fleisch, Fisch, Obst, Gemüse, Heilpflanzen – die indigenen Völker Amazoniens beziehen aus dem Regenwald alles, was sie zum Leben benötigen. Traditionell leben sie dort in Einklang mit der Natur. Ihren Lebensraum klar abzugrenzen und zu schützen, war das Ziel eines gemeinsam vom Geschäftsbereich KfW Entwicklungsbank und der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) mit 14,1 Mio. EUR geförderten Projekts. Mittels Schneisen und Grenzsteinen wurden dabei im gesamten Amazonasgebiet 178 indianische Schutzgebiete von der Gesamtfläche der Bundesrepublik ausgewiesen, per GPS codiert und in das Kataster eingetragen. Damit wurde festgeschrieben, was Brasilien seinen Ureinwohnern seit 1988 garantiert: das Recht auf exklusive Nutzung des bewohnten Landes. Ob sich über die Demarkierung Eindringlinge fernhalten und somit etwa illegaler Holzeinschlag vermeiden lässt, ermittelte der Geschäftsbereich KfW Entwicklungsbank im Herbst 2013 in einer Ex-post-Evaluation vor Ort. Danach trug die Rechtssicherheit dazu bei, dass sich die Zahl der indigenen Bewohner in den demarkierten Gebieten in den vergangenen 20 Jahren mehr als verdoppelte – auf aktuell knapp 900.000. Da Außenstehende die Grenzen nur mit Genehmigung übertreten dürfen, sinkt das Infektionsrisiko für die Ureinwohner, deren Immunsystem für viele Krankheiten nicht gerüstet ist. Auch die Natur profitiert: Der Entwaldungsgrad in den demarkierten Gebieten liegt mit 1,46 % deutlich niedriger als im übrigen brasilianischen Regenwald (rund 20 %). Insgesamt ergaben die erzielten Wirkungen in der KfW-Evaluation die Note „gut“. Bleibt die Herausforderung, die Grenzen des indianischen Lebensraums dauerhaft zu kontrollieren.

Mein Nachhaltigkeitsbericht

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